Brauchen Pferde einen Weideunterstand im Sommer?
Wer Pferde auf großen Weiden beobachtet, stellt oft fest: Während wir Menschen bereits bei einem Regenschauer Schutz suchen, stehen viele Pferde scheinbar unbeeindruckt mitten auf der Fläche. Andere wiederum suchen gezielt den Schutz von Bäumen oder Unterständen auf. Das wirft eine häufige Frage auf: Brauchen Pferde im Sommer überhaupt einen Weideunterstand?
Die Antwort ist differenzierter als viele zunächst vermuten. Pferde sind hervorragend an wechselnde Wetterbedingungen angepasst. Gleichzeitig gibt es gute Gründe, warum ein Unterstand oder zumindest geeignete Schutzmöglichkeiten auf der Weide in vielen Situationen sinnvoll sind.
Pferde sind robuster als viele Menschen annehmen
Das Pferd ist ursprünglich ein Steppentier. Über Jahrtausende hat es sich an ein Leben unter freiem Himmel angepasst. Wind, Regen, Temperaturschwankungen und wechselnde Witterung gehören zu seinem natürlichen Lebensraum.
Die Thermoregulation des Pferdes funktioniert erstaunlich effizient.
Durch die besondere Struktur des Fells, die Hautdurchblutung und die Fähigkeit zur Wärmeproduktion durch Raufutter und Bewegung kann ein gesundes Pferd seine Körpertemperatur auch bei ungünstigem Wetter gut regulieren. Deshalb kommen viele Pferde mit Regen, Wind und wechselhaftem Wetter deutlich besser zurecht, als wir Menschen oft annehmen. Nicht selten bleiben sie selbst bei schlechtem Wetter freiwillig draußen stehen, obwohl ihnen ein Unterstand zur Verfügung steht.
Nicht jedes Pferd reagiert gleich auf Wetter
Trotz dieser natürlichen Anpassungsfähigkeit gibt es große individuelle Unterschiede. Ob ein Pferd Wetterumschwünge problemlos wegsteckt oder darunter leidet, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- Rasse und Herkunft
- Aufzuchtbedingungen
- Gewöhnung an Offenstall- oder Weidehaltung
- Alter und Gesundheitszustand
- Fellqualität
Wind und Regen
Ein robust aufgewachsenes Islandpferd oder Exmoorpony wird Wetter oft anders empfinden als ein älteres Warmblut, das viele Jahre überwiegend im Stall gehalten wurde.
Hinzu kommt ein Aspekt, den viele Pferdehalter aus eigener Erfahrung kennen: Pferde besitzen individuelle Vorlieben und Komfortzonen. Manche stehen selbst bei Sturm und Regen entspannt im Freien. Andere reagieren empfindlich auf Kälte, Wind oder plötzliche Wetterumschwünge.
Gerade bei älteren Pferden, Pferden mit Arthrose oder Muskelproblemen können Regen und Kälte zu Verspannungen und Unwohlsein führen. Einige Tiere werden regelrecht missmutig, bewegen sich weniger und zeigen deutlich, dass ihnen die Bedingungen nicht zusagen. Für solche Pferde bedeuten extreme Wetterlagen zusätzlichen Stress. Sie müssen mehr Energie aufbringen, um ihre Körpertemperatur zu halten oder sich an veränderte Bedingungen anzupassen.
Die größere Herausforderung im Sommer:
Hitze und Sonneneinstrahlung
Während Kälte häufig überschätzt wird, wird die Belastung durch Hitze oft unterschätzt.
Pferde können Wärme deutlich schlechter abgeben als viele andere Tierarten. Zwar besitzen sie Schweißdrüsen und können schwitzen, dennoch geraten sie bei hohen Temperaturen schneller an ihre Belastungsgrenzen.
Besonders problematisch sind: intensive Sonneneinstrahlung hohe Luftfeuchtigkeit stehende Luft ohne Windbewegung
In den vergangenen Jahren treten solche Wetterlagen zunehmend häufiger auf. Während sich ein Pferd gegen Kälte durch Bewegung schützen kann, lässt sich übermäßige Hitze deutlich schwerer kompensieren.
Deshalb gehören Schattenplätze und Schutz vor Witterungen zu den wichtigsten Einrichtungen einer Sommerweide. Sie ermöglichen den Pferden, ihre Körpertemperatur zu regulieren, Energie zu sparen und zur Ruhe zu kommen.
Insekten werden zunehmend zum Belastungsfaktor
Ein weiterer Aspekt gewinnt in vielen Regionen immer mehr an Bedeutung: Insekten.
Gnitzen, Bremsen, Stechmücken und Fliegen können Pferden den Weidegang erheblich erschweren. Besonders in den Morgen- und Abendstunden geraten manche Tiere regelrecht unter Dauerstress. Milde Winter und veränderte klimatische Bedingungen begünstigen in vielen Regionen die Ausbreitung verschiedener Insektenarten. Gleichzeitig breiten sich auch Arten aus südlicheren Regionen weiter nach Norden aus.
Besonders betroffen sind Pferde mit:
- Sommerekzem
- empfindlicher Haut
- Allergien gegen Insektenstiche
- geschwächtem Immunsystem
Viele Pferde reagieren inzwischen deutlich sensibler auf Insektenstiche als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Folge sind Juckreiz, Hautentzündungen, Unruhe und eingeschränktes Wohlbefinden.
Fliegen- und Ekzemerdecken?
Fliegendecken und Ekzemerdecken können den Druck durch Insekten deutlich reduzieren. Für Pferde, die unter Sommerekzem leiden, sind die Decken oft die einzige Möglichkeit, Weidegang überhaupt zu ermöglichen und allergische Reaktionen zu vermeiden.
Allerdings bringen sie im Sommer eine weitere Herausforderung mit sich: die Wärmeabgabe. Moderne Decken sind möglichst leicht, atmungsaktiv und luftdurchlässig konstruiert. Dennoch stellen sie immer eine zusätzliche Schicht auf dem Körper dar. Gerade an heißen Tagen sollten Pferdehalter sorgfältig beobachten, ob die Decke tatsächlich mehr Nutzen als Belastung bringt.
Die beste Lösung: Schatten mit Luftbewegung
Ideale Bedingungen finden Pferde häufig auf Weiden mit lockerem Baumbestand. Bäume bieten:
- natürlichen Schatten
- Schutz vor UV-Strahlung
- angenehmeres Mikroklima
- teilweise Schutz vor Regen
Allerdings kommt es stark auf den Standort an. Befinden sich die Bäume in einer Senke oder in der Nähe von Gewässern, können sich dort Hitze, Feuchtigkeit und Insekten sammeln. Gerade Gnitzen bevorzugen feuchte Bereiche und windstille Standorte. Viele Pferde suchen deshalb bevorzugt schattige Plätze auf, an denen gleichzeitig ein leichter Luftzug vorhanden ist. Wind erschwert den Insekten das Anfliegen und sorgt zusätzlich für Kühlung.
Weidehütten oder Weidezelte als idealen Schutz
Wo natürlicher Schatten fehlt, können Weidehütten oder Weidezelte eine sinnvolle Lösung darstellen.
Besonders bewährt haben sich Konstruktionen, die Schutz bieten, ohne die Luftzirkulation zu behindern.
Hier kommen Windschutznetze ins Spiel.
Sie bieten mehrere Vorteile:
- Schutz vor Wind und Schlagregen
- Reduzierung des Insekteneinflugs
- gute Luftdurchlässigkeit
- geringere Hitzestauung
- freie Sicht nach außen
Gerade der letzte Punkt wird häufig unterschätzt.
Pferde sind Fluchttiere. Viele fühlen sich wohler, wenn sie ihre Umgebung jederzeit beobachten können. Deshalb werden Unterstände mit geschlossenen Planen oder vollständig blickdichten Wänden von manchen Pferden gemieden.
Die Tiere hören zwar Geräusche außerhalb des Unterstands, können deren Ursprung jedoch nicht eindeutig erkennen. Das kann Unsicherheit auslösen.
Andere Pferde wiederum bevorzugen genau diesen stärker abgeschirmten Bereich und suchen gezielt geschlossene Unterstände auf.
Welche Variante besser funktioniert, hängt letztlich von den jeweiligen Pferden ab.
Eine Kombination aus festen Holzwänden und Windschutznetzen vereint häufig die Vorteile beider Systeme.
Ist ein Unterstand bei 24-Stunden-Weidehaltung vorgeschrieben?
In Deutschland müssen Pferde bei dauerhafter Haltung im Freien grundsätzlich Zugang zu einem geeigneten Witterungsschutz haben. Die verschiedenen Leitlinien und tierschutzrechtlichen Empfehlungen sehen vor, dass Pferde die Möglichkeit erhalten, sich vor ungünstigen Witterungseinflüssen zu schützen. Als naturähnliche Haltungsform gilt eine Gruppenhaltung mit ständigem Zugang zu Weide oder Auslauf sowie einem Witterungsschutz oder Unterstand. Wie dieser Schutz konkret umgesetzt wird, hängt von den örtlichen Gegebenheiten, den klimatischen Bedingungen und der jeweiligen Behörde ab. Natürliche Schutzmöglichkeiten können berücksichtigt werden, häufig wird jedoch ein künstlicher Unterstand erwartet.
Für Pferde, die im Sommer 24/7 aus der Weide stehen, sollte jedoch immer eine Möglichkeit vorhanden sein, sich vor Sonne, Regen, Wind und Insekten zurückzuziehen.
Fazit
Brauchen Pferde im Sommer einen Weideunterstand?
Aus rein biologischer Sicht kommen viele gesunde Pferde mit Regen, Wind und wechselhaftem Wetter erstaunlich gut zurecht. Ihre natürliche Thermoregulation, die Fellstruktur und die Möglichkeit zur freien Bewegung machen sie deutlich wetterfester, als häufig angenommen wird.
Die eigentlichen Herausforderungen des Sommers sind heute oft Hitze, intensive Sonneneinstrahlung und ein zunehmender Insektendruck.
Deshalb sollte jede Sommerweide ausreichend Schatten und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Ob dies durch Baumbestand, Weidehütten oder Weidezelte geschieht, hängt von den örtlichen Gegebenheiten und den Bedürfnissen der Pferde ab.Letztlich entscheidet nicht nur die Theorie, sondern auch das einzelne Pferd. Denn genauso wie Menschen haben Pferde individuelle Vorlieben. Während der eine Vierbeiner selbst bei Regen lieber draußen steht, sucht der andere bereits bei einem frischen Windzug den geschützten Platz auf. Eine gute Weidehaltung berücksichtigt beide Typen – und bietet den Pferden die Wahl.