Bewegungsbedarf beim Pferd
Bewegung ist weit mehr ist als Training
Pferde sind Lauftiere. Ihr Körper ist dafür ausgelegt, einen großen Teil des Tages in Bewegung zu sein. Auf der Suche nach Futter und sozialer Interaktion. Wer Pferde artgerecht halten möchte, sollte deshalb nicht nur fragen: „Wie viel trainiert mein Pferd?“, sondern vor allem: „Wie viel bewegt sich mein Pferd über den gesamten Tag hinweg?“
Wie viel bewegt sich ein Pferd unter natürlichen Bedingungen?
Frei lebende Pferde legen in Abhängigkeit von Lebensraum, Nahrungs- und Wasserverfügbarkeit, klimatischen Bedingungen, Herdengröße und Jahreszeit erhebliche Distanzen zurück. Untersuchungen an frei lebenden bzw. verwilderten Pferden dokumentieren tägliche Wegstrecken von etwa 10 bis 30 Kilometern. Diese Distanz verteilt sich über einen großen Teil des Tages und ist unmittelbar mit der Nahrungssuche verknüpft. Pferde bewegen sich somit nahezu kontinuierlich.
Das Pferd als Energiesparer – viel Bewegung bei energiearmer Nahrung
Pferde haben sich über ihre Evolution an Lebensräume angepasst, in denen Nahrung nicht überall in großer Menge und hoher Energiedichte zur Verfügung steht. Gerade in trockenen oder nährstoffarmen Landschaften kann ein Pferd über lange Zeiträume mit relativ energiearmem Futter auskommen. Ihr Organismus hat gelernt, bemerkenswert effizient mit Energie umzugehen. Daher sind sie in erster Linie ausdauernde Bewegungstiere.
Gerade leichtfuttrige Pferde und Ponys zeigen diese Anpassung deutlich. Islandpferde, Norweger oder andere robuste Pferdetypen können bei geringer Arbeitsleistung mit relativ energiearmen Rationen auskommen. (Dabei darf jedoch nicht von der Rasse unmittelbar auf den individuellen Bedarf geschlossen werden. Körpergewicht, Arbeitsleistung, Alter, Gesundheitszustand und individuelle Veranlagung sind entscheidend.) Das Problem der modernen Haltung ist häufig das Gegenteil der ursprünglichen Lebensbedingungen: hohe Energiedichte der Nahrung bei gleichzeitig geringer Alltagsbewegung.
Bewegung ist mehr als Training
Eine einstündige Trainingseinheit kann für Muskulatur, Koordination und Kondition sehr wertvoll sein. Sie ersetzt jedoch nicht die kontinuierliche Bewegung über den gesamten Tag.
Für den Organismus macht es einen erheblichen Unterschied, ob ein Pferd 22 Stunden weitgehend steht oder ob es über viele Stunden immer wieder frisst, geht, soziale Kontakte pflegt und zwischen verschiedenen Ressourcen, wie Heuraufen, Tränken oder Weideunterständen wechselt.
Herz-Kreislauf-System
Regelmäßige Bewegung unterstützt die kardiovaskuläre Leistungsfähigkeit. Dabei ist nicht nur intensives Training relevant. Die große Menge an niedrigintensiver Bewegung, insbesondere im Schritt, entspricht dem natürlichen Aktivitätsmuster des Pferdes.
Bewegungsapparat
Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder und Muskulatur benötigen regelmäßige Belastungsreize. Entscheidend ist dabei nicht maximale Belastung, sondern regelmäßige, angemessene Bewegung.
Huf
Auch der Huf ist auf Bewegung angewiesen. Bei jedem Schritt verändern sich Belastung und Druckverhältnisse innerhalb der Hufkapsel und der darunterliegenden Strukturen. Diese mechanische Beanspruchung während des Gehens ist ein wichtiger Bestandteil seiner Gesunderhaltung.
Verdauung
Das Pferd besitzt einen hoch spezialisierten Verdauungstrakt, der auf eine kontinuierliche Aufnahme strukturreicher Nahrung ausgelegt ist. Unter natürlichen Bedingungen sind Futteraufnahme und Fortbewegung eng miteinander gekoppelt: Das Pferd bewegt sich, um Nahrung zu finden, und nimmt gleichzeitig über viele Stunden kleine Mengen auf. In der modernen Haltung können dagegen große Mengen Raufutter an einem einzigen Standort angeboten werden. Das reduziert nicht nur die notwendige Fortbewegung, sondern verändert auch das gesamte Fressverhalten. Heunetze oder zeitweise Fressbremsen können die Futteraufnahmemenge reduzieren.
Zu viel Energie bei zu wenig Bewegung
Viele Pferde erhalten mehr Energie, als sie tatsächlich benötigen, während die natürliche Bewegung zur Nahrungssuche weitgehend entfällt. Diese Kombination kann zu einer dauerhaft positiven Energiebilanz und damit zu Übergewicht führen. Schwerwiegende Erkrankungen, wie EMS oder Hufrehe, können eine Folge daraus sein. Regelmäßige Bewegung ist deshalb auch ein wichtiger Bestandteil des metabolischen Managements. Sie kann die Insulinsensitivität verbessern – vorausgesetzt, das Pferd ist körperlich belastbar und die Bewegung wird an seinen Gesundheitszustand angepasst.
Viel Fläche bedeutet nicht automatisch viel Bewegung
Auch eine große Weide garantiert keine ausreichende Bewegung. Wenn Futter, Wasser und Unterstand dicht beieinander liegen und überall reichlich Gras vorhanden ist, besteht für das Pferd wenig Anlass, größere Strecken zurückzulegen. Eine große Fläche kann unter diesen Bedingungen sogar vor allem eines bedeuten: mehr Futter, nicht zwingend mehr Bewegung.
GPS-Untersuchungen zeigen, dass domestizierte Pferde in kleineren und wenig strukturierten Flächen deutlich geringere tägliche Wegstrecken zurücklegen können als frei lebende Pferde. Deshalb kann die Gestaltung der Fläche ein wichtiger Aspekt sein.
Bewegung durch Haltung fördern
Das Ziel sollte nicht sein, Pferde permanent zu beschäftigen. Sinnvoller ist es, die Umgebung so zu gestalten, dass freiwillige Bewegung entsteht.
Ressourcen verteilen
Wasser, Raufutter, Unterstand oder Stall können – sofern die Gruppensituation dies zulässt – räumlich voneinander getrennt werden. So entstehen natürliche Wege zwischen den Ressourcen.
Mehrere Futterstellen können zusätzlich Bewegung fördern und gleichzeitig verhindern, dass rangniedrige Pferde von einem einzigen Futterplatz verdrängt werden.
Dabei gilt immer: Bewegungsanreize dürfen niemals zu Ressourcenstress führen. Jedes Pferd muss ausreichend Zugang zu Futter, Wasser und Rückzugsmöglichkeiten haben.
Raufutter sinnvoll managen
Das Pferd benötigt Raufutter über einen großen Teil des Tages. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass leichtfuttrige Pferde unbegrenzt energiereiches Heu oder Gras aufnehmen sollten. Heuraufen mit Futtersparnetzen lassen die Futteraufnahme gut regulieren und steuern.
Pflanzenvielfalt
Eine abwechslungsreiche Umgebung mit geeigneten, ungiftigen Pflanzen, Gehölzen und Knabbermaterial kann das natürliche Nahrungssuchverhalten fördern und Beschäftigung schaffen. Sie sollte jedoch nicht als zuverlässiger Ersatz für eine bedarfsgerechte Mineralstoff- und Vitaminversorgung verstanden werden, da der Nährstoffgehalt von Pflanzen schwanken kann.
Winterpaddock und Paddocktrail
Im Winter ist die Bewegungsförderung besonders anspruchsvoll. Um Weiden zu schonen, werden Pferde meist auf kleinere Winterpaddocks gebracht.
Befestigte Flächen haben hier deutliche Vorteile: Sie reduzieren Matsch, Bodenschäden und ungünstige Bedingungen für Hufe und Haut.
Doch ein trockener Paddock ist noch kein bewegungsreicher Paddock.
Stehen Heuraufe, Wasser und Unterstand unmittelbar nebeneinander, können die Pferde ihre wichtigsten Ressourcen auf wenigen Metern erreichen.
Auch auf kleineren Flächen lassen sich deshalb Bewegungsanreize schaffen:
- mehrere Heuraufen
- Wasser und Raufutter mit Abstand zueinander
- sichere Rundwege, durch Zäune abgetrennt
- unterschiedliche Bodenbereiche, wie befestigte Böden mit Paddockplatten, Naturboden, runder Kies oder Sand
- geeignete Baumstämme und Knabbermöglichkeiten
- mehrere Ruhebereiche, wie Weidezelte, Weidehütten oder auch Baumbestand
Eine besonders interessante Lösung ist der Paddocktrail. Dabei werden verschiedene Ressourcen über einen längeren Rundweg verteilt. Das Pferd hat einen natürlichen Grund, sich immer wieder durch den Bewegungsraum zu bewegen. Wichtig ist eine ausreichende Breite. Es dürfen keine Sackgassen oder Engstellen entstehen, in denen rangniedrige Pferde nicht ausweichen können. Die Gestaltung muss deshalb immer an Gruppengröße und Sozialstruktur angepasst werden.
Der entscheidende Punkt: Bewegung über den ganzen Tag
Die Zahl von 10 bis 30 Kilometern aus frei lebenden Pferden ist eine interessante Orientierung, aber nicht das eigentliche Ziel.
Viel wichtiger ist ein bewegungsreicher Tagesablauf. Ein Pferd muss nicht täglich exakt 20 Kilometer zurücklegen. Es sollte jedoch möglichst viel Gelegenheit haben, sich freiwillig zu bewegen. Das natürliche Verhalten wirkt sich dauerhaft positiv auf die gesamte Physiologie und Psyche des Pferdes aus: Fressen – bewegen – ruhen – soziale Interaktion – bewegen – fressen. Und zwar über viele Stunden verteilt.
Fazit
Pferde sind ausdauernde Bewegungstiere. Ihr Organismus ist auf regelmäßige, überwiegend niedrigintensive Bewegung und die kontinuierliche Aufnahme strukturreicher Nahrung ausgerichtet.
Die moderne Haltung verändert diese Bedingungen häufig grundlegend: Das Futter ist leicht verfügbar und teilweise energiereich, während die Wege zwischen Futter, Wasser und Ruheplätzen kurz sind. Daraus entsteht eine ungünstige Kombination: zu hohe Energieaufnahme + zu geringe Alltagsbewegung. Gerade leichtfuttrige Pferde und Ponys können dadurch schnell an Gewicht zunehmen und metabolische Probleme entwickeln.
Die Lösung liegt deshalb nicht ausschließlich in mehr Training. Sie liegt in einer Haltung, die Bewegung wieder zum Bestandteil des gesamten Tages macht: durch sinnvoll verteilte Ressourcen, angepasstes Fütterungsmanagement, strukturierte Ausläufe, sichere Bewegungswege und möglichst viel freiwillige Alltagsbewegung. Denn Pferde sind nicht dafür gemacht, einmal am Tag bewegt zu werden. Sie sind dafür gemacht, sich zu bewegen.