Ausreiten mit dem Pferd
Warum Geländeausritte Körper und Beziehung stärken
Für viele Reiter gehört das Ausreiten zu den schönsten Momenten mit dem Pferd. Fernab von Reitplatz und Reithalle entsteht eine besondere Verbindung, wenn Mensch und Pferd gemeinsam die Natur erkunden. Gleichzeitig bietet ein Ausritt weit mehr als nur Abwechslung: Er fördert die Gesundheit, die körperliche Fitness und das mentale Wohlbefinden des Pferdes. Dabei profitieren nicht nur Freizeitpferde von regelmäßigen Ausritten. Auch Sportpferde, Jungpferde und ältere Pferde können von den vielfältigen Reizen und Bewegungsabläufen außerhalb des gewohnten Trainingsalltags profitieren.
Warum Ausreiten für Pferde so wertvoll ist
Pferde sind von Natur aus Lauftiere. In freier Wildbahn legen sie täglich viele Kilometer zurück und bewegen sich dabei über unterschiedlichste Untergründe. Selbst großzügige Weiden können diesen natürlichen Bewegungsdrang oft nur teilweise ersetzen. Ein Ausritt ermöglicht es dem Pferd, längere Strecken am Stück zurückzulegen und dabei verschiedene Gangarten sowie unterschiedliche Bodenverhältnisse zu erleben.
Dadurch werden zahlreiche körperliche Systeme angesprochen:
- Sehnen und Bänder werden vielseitig belastet.
- Muskeln arbeiten in wechselnden Bewegungsmustern.
- Das Herz-Kreislauf-System wird trainiert.
- Die Koordination verbessert sich.
- Das Gleichgewicht wird geschult.
- Die mentale Ausgeglichenheit wird gefördert.
Aktuelle Erkenntnisse aus der Trainings- und Bewegungsforschung zeigen zudem, dass Sehnen, Bänder und andere Strukturen des Bewegungsapparates von abwechslungsreichen Belastungen profitieren. Unterschiedliche Untergründe und Bewegungsanforderungen können dazu beitragen, die Belastbarkeit des Bewegungsapparates zu erhalten und das Verletzungsrisiko zu reduzieren.
Ausreiten fördert Vertrauen und soziale Kompetenzen
Besonders wertvoll sind Ausritte in einer Gruppe. Pferde sind Herdentiere und orientieren sich stark an ihren Artgenossen. Gemeinsame Ausritte können deshalb das soziale Gefüge innerhalb einer Pferdegruppe stärken und Sicherheit vermitteln.
Gleichzeitig wächst das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter.
Außerhalb der gewohnten Umgebung begegnen Pferde ständig neuen Eindrücken: raschelnde Büsche, Wildtiere, Radfahrer oder wechselnde Lichtverhältnisse. Wenn der Reiter seinem Pferd in diesen Situationen Sicherheit vermittelt, stärkt dies die Beziehung nachhaltig. Viele Pferde entwickeln durch regelmäßiges Ausreiten mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen. Sie lernen, Umweltreize besser einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren.
Wie lange sollte man ausreiten?
Wie lange ein Ausritt dauern sollte, hängt immer von der Kondition, Fitness und mentalen Belastbarkeit von Pferd und Reiter ab. Wer mit dem Ausreiten beginnt oder selten ins Gelände geht, sollte die Dauer langsam steigern. Etwa 30 Minuten sind für den Einstieg oft ausreichend.
Überforderung schadet mehr, als sie nützt. Da beim Ausreiten häufig ungewohnte Muskelgruppen beansprucht werden, kann es insbesondere nach längeren oder anspruchsvolleren Strecken zu Muskelermüdung oder Muskelkater kommen. Steigern Sie daher Dauer und Intensität schrittweise und berücksichtigen Sie stets Faktoren wie Wetter, Streckenbeschaffenheit sowie eine passende Ausrüstung. So wird der Ausritt für Pferd und Reiter zu einem positiven Erlebnis.
Ein Ausritt kann eine echte Trainingseinheit sein
Wer Ausreiten lediglich als entspannte Freizeitbeschäftigung betrachtet, unterschätzt häufig den Trainingswert.
Unterschiedliche Untergründe fördern die Körperkontrolle
Unwegsame Waldwege, Wurzeln, leichte Unebenheiten oder wechselnde Böden fordern das Pferd dazu auf, jeden Schritt bewusst zu setzen. Dabei muss es seine Gliedmaßen präzise koordinieren und ständig die Balance neu ausrichten.
Ähnlich wie beim Stangen- oder Cavalettitraining werden:
- die Propriozeption (Körperwahrnehmung) geschult
- die Rumpfmuskulatur aktiviert
- die Stabilität verbessert
- die Trittsicherheit gefördert
Das Pferd hebt seine Beine bewusster an und lernt, seinen Körper effizient einzusetzen.
Bergauf stärkt Hinterhand und Tragkraft
Steigungen sind ein hervorragendes Training für die Hinterhand. Beim Bergaufgehen muss das Pferd vermehrt Schub und Tragkraft aus der Hinterhand entwickeln. Gleichzeitig werden die Bauchmuskulatur sowie die Muskulatur der sogenannten Rumpfträger intensiv beansprucht.
Bergab mit Bedacht
Beim Bergabreiten verlagert sich ein größerer Teil der Last auf die Vorhand. Besonders bei steilen oder rutschigen Gefällen kann es sinnvoll sein, abzusteigen und das Pferd zu führen. Dadurch wird die Belastung auf die Vordergliedmaßen reduziert und das Pferd kann sich freier ausbalancieren.
Konditionstraining im Gelände
Längere Trabstrecken oder kontrollierte Galoppstrecken eignen sich hervorragend, um Ausdauer und Herz-Kreislauf-Leistung zu verbessern. Gleichzeitig sorgt die Bewegung in freier Umgebung oft für eine positive mentale Auslastung. Viele Reiter kennen das Gefühl nach einem gelungenen Ausritt: Der Kopf wird frei, Stress fällt ab und Pferd wie Mensch kehren zufrieden in den Stall zurück.
Übrigens: Auch ein Schrittausritt kann sehr effektiv und effizient sein!
Sicherheit beim Ausreiten
Damit der Ausritt für alle Beteiligten entspannt verläuft, sollte die Sicherheit immer an erster Stelle stehen.
Vor dem Ausritt
- Route und geplante Rückkehrzeit im Stall bekannt geben
- Mobiltelefon geladen mitnehmen
- Standortfreigabe oder Notfallfunktion aktivieren
- Pferd und Ausrüstung auf einwandfreien Zustand prüfen
- Reitplakette mitführen, sofern sie in der jeweiligen Region vorgeschrieben ist
Schutzausrüstung
- Ein gut sitzender Reithelm sollte selbstverständlich sein
- Eine Sicherheitsweste kann insbesondere bei jungen Pferden, längeren Geländeritten oder anspruchsvollem Gelände zusätzlichen Schutz bieten.
Sinnvolle Ausrüstung
Je nach Strecke können außerdem hilfreich sein:
- Gamaschen zum Schutz vor Schürf- und Streifverletzungen
- Halfter und Führstrick für Pausen
- Trinkflasche und kleiner Snack für längere Touren
- kleines Erste-Hilfe-Set
- Fliegenspray oder
- eine geeignete Ausreitdecke bei empfindlichen Pferden.
Wichtig ist dabei, dass Ausreitdecken und weiteres Zubehör speziell für den Einsatz unter dem Sattel vorgesehen sind und sicher sitzen. Verrutschende Ausrüstung kann das Pferd irritieren oder erschrecken.
Unser Tipp: Zwischendurch absitzen
Gerade bei längeren Ausritten kann es sinnvoll sein, zwischendurch einige Minuten zu Fuß zu gehen.
Der Pferderücken ist nicht dafür geschaffen, dauerhaft Lasten zu tragen. Der Rumpf wird über ein komplexes Zusammenspiel aus Muskeln, Faszien und Bändern zwischen den Vordergliedmaßen aufgehängt. Diese Strukturen – häufig als Rumpfträger bezeichnet – müssen sowohl das Eigengewicht des Pferdes als auch das Gewicht des Reiters tragen.
Mit zunehmender Ermüdung sinkt die Leistungsfähigkeit dieser Muskulatur. Kurze Führpausen können helfen, dem Pferd Gelegenheit zur Erholung zu geben.
Wenn die Situation es zulässt, kann der Sattelgurt während einer Pause leicht gelockert werden, um den Druck auf den Brustkorb vorübergehend zu verringern. Vor dem Aufsteigen muss er selbstverständlich wieder korrekt nachgegurtet und idealerweise nach eine Aufstiegshilfe gesucht werden.
Die Natur mit allen Sinnen erleben
Ein Ausritt bietet Pferden die Möglichkeit, ihre Umgebung nicht nur zu sehen und zu riechen, sondern auch zu erkunden. Viele Pferde zeigen großes Interesse an Kräutern, Blättern, Sträuchern oder Baumrinde. Tatsächlich nehmen Pferde in freier Umgebung häufig deutlich mehr verschiedene Pflanzenarten auf als auf modernen Weideflächen. Dabei lohnt es sich, aufmerksam zu beobachten, welche Pflanzen das Pferd bevorzugt. Oft lassen sich individuelle Vorlieben erkennen, die interessante Rückschlüsse auf seinen Geschmack oder möglicherweise auch auf aktuelle Bedürfnisse zulassen. Zwar verfügen viele Pferde über ein gutes Selektionsverhalten, unbekannte oder potenziell giftige Pflanzen sollten Sie jedoch stets im Blick behalten.
Fazit
Ausreiten ist weit mehr als eine angenehme Freizeitbeschäftigung
Es bietet Pferden wertvolle Bewegungsreize, fördert die körperliche Fitness, stärkt Sehnen, Bänder und Muskulatur und unterstützt die mentale Ausgeglichenheit. Gleichzeitig schafft es gemeinsame Erlebnisse, die Vertrauen und Partnerschaft zwischen Pferd und Reiter vertiefen können. Ob entspannter Schritt durch den Wald, anspruchsvolle Geländestrecke oder ausgedehnter Konditionsritt – regelmäßige Ausritte bringen Abwechslung in den Trainingsalltag und leisten einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden, ausgeglichenen Pferd. Wer dabei auf eine gute Vorbereitung und angemessene Sicherheitsmaßnahmen achtet, schafft die besten Voraussetzungen für viele schöne Stunden im Sattel und in der Natur.